Die Konspirativen
Konzertberichte

Konzert vom 29.04.2001, Schlachthof in München
Bericht: Grisu am 02.05.2001

Etwas skeptisch war ich ja schon gewesen, als ich den Veranstaltungsort für das Wise Guys Konzert in München erfahren hatte: es sollte der Schlachthof sein. Allerdings stand ja schon vorher im Mitteilungsbrief der Wise Guys, dass das Konzert auch für Vegetarier geeignet sei, so dass ich davon ausging, dass dort nicht mehr die Tätigkeiten ausgeführt werden, die der Name vermuten lässt. Am Schlachthof angekommen war es dann aber unübersehbar wo der Name herkam: zwei lebensgroße Holzrinder lagen zu beiden Seiten vor dem Eingang des roten Backsteingebäudes und auf einem Schild an einem Nebengebäude stand in verwitterter Schrift „Amtstierarzt“. Selbstverständlich ist der Schlachthof aber nicht mehr in Betrieb sondern ist zu einem Gasthaus mit Bühne und Biergarten umgebaut worden.

Vor der Tür standen Personen mit Schildern, auf denen zu lesen war, dass sie noch Karten suchten, das Konzert war nämlich schon seit einigen Wochen ausverkauft. Es war allerdings kein „normales“ Konzert sondern eine Kombi-Veranstaltung: die Wise Guys hatten nämlich als Special Guests „Die Rabenmütter“ eingeladen, eine Musikkabarettgruppe aus München. Um halb sieben drängelten sich dann auch schon die ersten Leute vor der Saaltür und warteten auf den Einlass. Nach einer halben Stunde gingen die Türen auf und man kam, nachdem die Karte abgerissen und jedem ein Smiley-Stempel auf die Hand gedrückt worden war, in einen Saal, in dem insgesamt 40 Tische mit Bänken längs zur Bühne standen. Schnell hatten sich die Leute an den Tischen verteilt und es entstand eine richtige Bierzeltatmosphäre. Das Licht war allerdings ziemlich schummrig und an den Wänden hingen Photos von Rindern aus allen möglichen Perspektiven. In den anderthalb Stunden bis Konzertbeginn konnte man sich noch was zu Essen bestellen und natürlich reichlich Getränke ordern. Im Saal wurde es immer wärmer, was zum Teil vielleicht mit dem warmen Essen zusammenhing, schwerwiegender war allerdings die immer zunehmendere Enge und der dadurch verbundene Körperkontakt zu seinen Nachbarn. Irgendwann ertönte dann auch eine Stimme aus dem Nichts, die noch mal darauf hinwies, dass an jedem Tisch 10 Sitzplätze waren. Aha, es wurde also weiter zusammengerückt und noch etwas wärmer.

Kurz nach halb neun ging das Licht im Saal aus und „Die Rabenmütter“ betraten die Bühne. Die Gruppe besteht aus 18 Frauen, die an diesem Abend alle in rot-schwarzer Kleidung auf die Bühne kamen und sofort mit einem Lied begannen. Danach erzählten sie warum sie „Die Rabenmütter“ heißen (weil nämlich die Familien einmal in der Woche ohne die Mutter auskommen müssen). Diese Thematik haben sie dann auch gleich in einem kurzen Sketch deutlich gemacht. Es folgten einige weitere Lieder und Sketche, die alle mehr oder weniger von der klischeehaften Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen handelten. Sie wurden aber recht witzig und mit viel Aufwand vorgetragen und als Basis für die Lieder wurden häufig bekannte Melodien verwendet, wie beispielsweise „When I’m 64“, „Banana Boat“, „Der Haifisch“ aus der Dreigroschenoper oder ein Lied aus der „Rocky Horror Picture Show“, natürlich mit neuem Text. Es waren viele Rabenmütterfans da und zum Schluss ihrer Show bekamen sie viel Applaus und gaben noch eine Zugabe. Etwas schade war es, dass sie mit nur zwei Mikros sangen, weil dadurch der Chor wesentlich leiser war als die Solostimmen. Nach insgesamt 50 Minuten verließen sie die Bühne und es war erst mal Pause.

In der Pause konnte man noch mal Getränke nachbestellen; und da man nicht mehr von dem Geschehen auf der Bühne abgelenkt wurde, spürte man plötzlich, wie heiß und stickig es in dem völlig überfüllten Saal war. (Es hatten längst nicht alle einen Sitzplatz gefunden und im hinteren Teil des Saales standen noch reichlich Leute)

Gegen 21.50 Uhr gingen dann die Lichter wieder aus. Die Wise Guys kamen mit Schwung auf die Bühne und wurden mit viel Applaus begrüßt. Als sie dann mit dem Frühlingslied anfangen wollten wurden sowohl sie selber als auch das Publikum durch ein furchtbares Quietschen der Mikrophone erschreckt. Der Schreck wurde von Gelächter auf beiden Seiten abgelöst und der zweite Versuch klappte dann um so besser (hinterher stellte sich heraus, dass das Gedränge ums Mischpult so groß war, dass aus Versehen ein Schalter am Mischpult ausgeschaltet worden war, wodurch es zu dieser Rückkopplung kam). Das Publikum ging sofort mit und Clemens Mimik war häufig so umwerfend passend (schüchtern, verzweifelt, verlegen..), dass er einige Male Szenenapplaus bekam, ein leiseres Lachen begleitete eigentlich das gesamte Lied und zum Schluss wurde heftig geklatscht und gelacht. Das versprach ein tolles Konzert zu werden!

Daniel begrüßte das Publikum mit einem kräftigen „Servus“, was vom Publikum mit Begeisterung honoriert wurde. Aber das war nicht der einzige Unterschied zu anderen Konzerten. Besonders auffallend war es z.B., dass das Wasser nicht in normalen Gläsern serviert wurde sondern in Halbliterkrügen. Dann erzählte Daniel die Überlegung vom Baum, der im Wald umfällt und Eddi nahm derweil eine interessante Denkerpose ein. Er hatte seine Brille auf die Stirn geschoben und schien heftig über das Gesagte nachzugrübeln. Wozu die Brille dafür auf der Stirn sein musste wahr mir nicht ganz klar; vielleicht hoffte er, damit seinem Gehirn den Durchblick zu erleichtern?

Weiter ging es mit dem „RTL-Lied“ und Eddis Intro war richtig schön hallig. Außerdem hatte sich die Choreogaphie geändert und war richtig sportlich . Clemens war so dermaßen verzweifelt, dass er nicht bloß auf die Knie ging sondern regelrecht über den Boden robbte und sich zum Schluss an Sari wieder hochziehen musste. Das Publikum war sehr begeistert und auch hier gab es einige Male Szenenapplaus und der Aufforderung zum Mitsingen wurde lautstark nachgegeben.

Auch das Philosoffenlied wurde begeistert aufgenommen und die Stimmung im Saal stieg weiter an. Am Ende des Liedes wurde aus dem Publikum noch ein lautes „Prost“ in den Saal gerufen.

Die nachfolgende Umfrage ergab dann, dass die überwiegende Mehrheit Neuhörer waren und nur relativ wenige die Wise Guys schon einmal live in einem Konzert erlebt haben. Dafür stellte es sich dann aber heraus, dass einige Kölner und sogar ein paar Düsseldorfer da waren.

Nun kam „Zur Lage der Nation“ und wie nicht anders zu erwarten kam die Botschaft im Publikum an. Und überraschenderweise konnte das Publikum über die vielen „typisch deutschen“ Anspielungen herzhaft lachen (dabei möchte ich ja fast behaupten, dass Bayern in dieser Hinsicht zumindest was das Klischee angeht ein bisschen vorbelastet ist). Clemens Marschtrommel war mal wieder ausgesprochen kraftvoll und beeindruckend und die schauspielerische Leistung der Fünf begeistert mich immer wieder. Der Applaus am Ende dieses Liedes war jedenfalls enorm.

Mit „Bleib wie Du bist“ wurde die Stimmung etwas beruhigt, und das Publikum hörte dem schön ruhig und klar gesungenen Lied aufmerksam zu.

In der folgenden Ansage berichtete Eddi dann davon, dass Clemens, als er sich das letzte Mal von seiner Freundin getrennt hatte, so verzweifelt war, dass er bei einem Freund Hilfe suchen musste. Besagter Freund hatte Sozialhilfe studiert und ist diplomierter Psychopath (was die Wise Guys für Umgang haben). Clemens kam mit einer völlig verzweifelt blöden Mimik und diversen Rhythmusinstrumenten auf die Bühne, welche er gezielt unter den anderen verteilte. Das Rassel-Ei hat Ferenc dann ausnahmsweise nicht gefangen und nach einem kurzen vorwurfsvollen Blick und viel Gelächter im Publikum (und auf der Bühne) ging es dann freudig und temperamentvoll los mit „Meine heiße Liebe“. Als zum Schluss der Mokka mit Sari durchging, wurde das Lachen im Saal wieder recht laut und es gab viel begeisterten Applaus.

Die nächste Ansage kam von Clemens, der erzählte, dass jeder der Wise Guys schon mal von einer Frau verlassen wurde, wenn auch unterschiedlich oft. Die größte Erfahrung habe Eddi, der zufolge interner Studien schon 834mal verlassen wurde und aus diesem Grund mit einer gewissen Gelassenheit an eine Trennung rangehen könne. Gesungen wurde dann „Ohne Dich“. Der Background war dabei sehr schlagkräftig und präzise und Eddi sang das Lied wieder sehr kraftvoll und aggressiv. Ich finde es allerdings immer wieder erstaunlich wie aggressiv und gleichzeitig verletzt er dieses Stück vorträgt. Das Licht im Background war erstaunlich warm mit rot-blau bzw. orange-grün Tönen, umso krasser war dazu der Gegensatz von Eddi, der im grellen Spot stand.

Danach erzählte Daniel von den anstrengenden After-Show-Parties, und dass die Wise Guys mit den Nerven völlig am Ende waren. Zur Bestätigung zitterte Saris Hand sehr stark, als er Clemens den Wasserkrug rüberreichte (was das Publikum mit leisem Kichern bemerkte). Zur Selbsttherapie haben die Wise Guys deswegen das einmal wöchentlich stattfindende Kekstreffen eingeführt. Und um auch im Schlachthof –dem früheren Ort der Gewalt- eine Oase der Ruhe und des Friedens zu schaffen wurde mal wieder im atemberaubenden Tempo der „Root Beer Rag“ gesungen.

Als nächstes kam dann „Mädchen lach doch mal“, ein "Zwanglied", damit hübsche Mädchen noch besser aussehen. Und wieder einmal hatten Sari und Eddi ordentlich mit ihren australischen
Kängurubeutelfelltrommeln zu kämpfen. Ferenc wurde sogar von Eddi samt Känguru und Trommel über den Haufen gerannt und legte eine Pirouette hin, die keinen Zweifel mehr übrig ließ an seiner früheren Beschäftigung als Balletttänzer an der ungarischen Oper. Für das Lied gab es wieder Begeisterungsstürme mit Applaus, Gejohle und Pfiffen.

Danach legte Ferenc mit der ersten Strophe von „When I’m 64“ los und seine Stimme war so wunderschön tief, voluminös und sauber, dass er prompt so viel Applaus bekam, dass fast die Hälfte von Eddis Strophe im Applaus unterging. Doch auch nach der ersten kölschen Strophe von Daniel gab es Szenenapplaus, und Clemens musste erst mal abwarten, bevor er mit seiner Strophe anfangen konnte. Wie immer war auch die Begeisterung bei Saris sächsischer Strophe groß und das letzte plemplem ging mal wieder im Toben des Publikums unter.

Nun sollte schon das letzte Lied angekündigt werden, schließlich schließen in München die Kneipen auch am Wochenende schon um 1Uhr und die Wise Guys wollten anschließend noch das ein oder andere Bier trinken. Und außerdem wollten sich zumindest ein paar der Wise Guys „die Birne zuschrauben“. Auf diese Bemerkung reagierte Ferenc mit skeptischen Kopfschütteln und schaffte es so, zumindest rein äußerlich einen soliden Eindruck seiner Person zu vermitteln. Einer muss ja schließlich für Ordnung und Moral sorgen.
Gesungen wurde dann „Baby, noch einmal“, was von einer tollen Lichtshow unterstützt wurde.

Danach verließen die Wise Guys recht zügig die Bühne und das Publikum begann zu toben. Als Steigerung zu Applaus, Pfiffen und Johlen wurde auf die Tische geklopft und insgesamt ergab das einen enormen Geräuschpegel. Die Wise Guys kamen dann nach relativ langer Zeit wieder auf die Bühne und erzählten, dass sie durch Halbwissen und Halbbildung auffielen. Um daran etwas zu ändern sangen sie den „Besserwisser“, allerdings in einem so enormen Tempo, dass sie damit durch jede Geschwindigkeitskontrolle gefallen wären. Leider war dieses Stück etwas hallig, aber bei dem Tempo wäre auch kaum Zeit geblieben daran etwas zu ändern.

Natürlich wurden die Wise Guys auch zur zweiten Zugabe herausgeklatscht und ein Blick auf Sari ließ sofort erkennen, welches Lied nun kommen musste: So selbstgefällig lässig grinsend steht er nur da, wenn „Willst Du mit mir gehn“ gesungen wird. Auf die Aussage, dass er jedes Mädchen anbaggert kamen einige begeisterte (und erwartungsvolle?) Reaktionen aus dem Publikum. Saris Mimik und seine lässig-lasziven Bewegungen kamen sehr sexy rüber und es fällt doch auf, um wie viel besser seine Bewegungen in Jeans rüberkommen, wenn nicht das Beste ;-) unterm Anzug verschwindet. Das Publikum war jedenfalls begeistert!

Als dritte Zugabe wurde dann Goldeneye gesungen. Dieses Lied ist einfach immer wieder sehr wirkungsvoll, besonders wenn das Licht gut ist. Und das war absolut der Fall. Die Spannung war nahezu greifbar und es hätte eigentlich ein sehr eindrucksvoller Schluss sein können. Die Wise Guys gingen wieder von der Bühne (sie hatten auch brav vorher den Afterglow angekündigt) und ließen ein absolut begeistertes Publikum zurück.

Das Saallicht ging an, doch das konnte die Begeisterung nicht wirklich bremsen. Zusätzlich zu dem normalen Applaus wurden nun die Tische wieder heftig bearbeitet. Da wurde auch manch leerer Krug zweckentfremdet und als Klopfwerkzeug missbraucht (für die Hände waren die Tische aber auch ziemlich hart). Die Hartnäckigkeit wurde dann nach einer Weile belohnt, die Wise Guys kamen noch einmal auf die Bühne und das Saallicht ging wieder aus. Gesungen wurde dann „Wenn der Herrjott ruft, dann ist Sense“. Eddis Mundharmonika war mal wieder super und das rote Licht verfehlte seine Wirkung nicht. Das Lied heimste noch mal reichlich Szenenapplaus und einen tollen Schlussapplaus ein. Dann verließen die Wise Guys um 23:30 Uhr nach über anderthalb Stunden Konzert am Stück zum letzten Mal an diesem Abend die Bühne und ließen ein absolut begeistertes Publikum zurück. Anschließend gab es noch einen netten Afterglow. Und demnächst werden die Wise Guys wieder in München singen.


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